Allgemein Leben und Wirkstoffe

Chemie im letzten Tatort

geschrieben von Ole

Den letzten Tatort habe ich verpasst und jetzt erst nachschauen können, bevor er morgen wieder aus dem Netz genommen wird. Hätte ich mitbekommen, dass Chemie in diesem Tatort eine prominente Rolle spielt, wäre ich bestimmt schon früher auf die Idee gekommen etwas dazu zu schreiben.

Was ist passiert?

Eine Frau arbeitet in einer Chemiefabrik, die mit Flusssäure arbeitet. Während Flusssäure in einen Plastiktank gefüllt wird, steht die Frau unter dem Rohr, durch welches die Säure fließt. Unglücklicherweise ist das Rohr undicht und sie bekommt einige Tropfen der Flusssäure auf die Schulter. Nachdem sie dies bemerkt, wird sofort Alarm ausgelöst und sie unter eine Notdusche gezerrt. Trotz des Tragen eines Schutzanzuges und der schnellen Hilfe stirbt die Frau wenige Stunden später im Krankenhaus.

Aber es ist ja Fernsehen und überspitzt!

Könnte man meinen, denn nach vier Tropfen auf einen Schutzanzug und sofortiger Versorgung in Form von Abspülen erscheint es einem recht unwahrscheinlich, dass eine Mensch schon wenige Stunden später stirbt.

Die traurige Wahrheit aber ist, dass Flusssäure tatsächlich so aggressiv ist, dass schon wenige Tropfen zum Tode führen können. Hoffnung hätte bestanden, wenn die Verletzung an den Extremitäten gewesen wäre, denn diese kann man mehr oder weniger problemlos amputieren und so schlimmeres verhindern.

Bei der Flusssäure handelt es sich um das Molekül HF. HF wird extrem schnell von der Haut resorbiert und ist extrem ätzend. Die Säure frisst sich förmlich durch den Körper und zersetzt auch Knochen ohne Schwierigkeiten. Neben diesen zerstörerischen Fähigkeiten, kann das Fluorid der Flusssäure aber auch an Calcium und Magnesiumionen binden. Diese Metall-Fluor Bindungen sind enorm stabil, sodass dem Körper diese Metalle entzogen werden und lebenswichtige Enzyme nicht mehr arbeiten können.

Schon kürzeste Exposition der Haut mit HF reicht aus um schwerwiegende Schäden zu verursachen, durch die Verätzung der Haut wird die folgende Aufnahme von Fluorid begünstigt. So wird schon nach einer Exposition von 20 Sekunden, danach abwaschen von der Haut, innerhalb von 5 min die untere Dermis der Haut angegriffen.

Wurde der Frau eigentlich richtig geholfen?

Soweit es im Tatort gezeigt wurde, wurde tatsächlich vieles richtig gemacht. Durch das Zerren unter die Notdusche konnte die Expositionsdauer gering gehalten werden und noch auf der Oberfläche befindliches HF abgespült werden. Von der anschließenden Behandlung wurde nicht mehr viel gezeigt, aber es ist davon auszugehen, dass spätestens die Ärzte unmittelbar Calciumgluconat aufgetragen haben und im besten Fall das betroffende Areal mit Calciumgluconat unterspritzt haben. Das Calcium kann das Fluorid zum schwerlöslichen Calciumfluorid binden, welches nicht mehr toxisch ist.
Eine wirksamere Methode zur Behandlung einer HF Verätzung bietet eine Spülung mit Hexafluorine. Diese Lösung neutralisiert zum einen die Säurewirkung, zum anderen kann es das Fluorid binden und somit auch der Toxizität entgegen wirken.
In der Industrie werden deshalb an betroffenen Arbeitsplätzen Notduschen mit Hexafluorine betrieben.

Dennoch, tritt die Hilfe zu spät ein können bei Verätzungen einer Handteller großen Fläche auch solche Sofortmaßnahmen nutzlos sein.

Warum hat der Schutzanzug nicht geholfen?

Tja, darum dreht sich der Tatort in den folgenden 80 Minuten. In der Regel verhindern solche Schutzanzüge das Durchdringen der Flusssäure, sodass nach zügigem Ausziehen des Anzuges keine Schäden auftreten sollten.

War der Tatort jetzt wirklich chemisch korrekt?

Wäre die Frau sofort mit der Hexafluorine Lösung dekontaminiert worden, hätte sie vermutlich überleben können, aber ein Tatort ohne Tote funktioniert ja schlecht. Zudem habe ich bis jetzt noch ein Detail ausgelassen, die Frau war schwanger und genau deshalb ist der Tatort ab der ersten Minute völlig unrealistisch. Denn Schwangere dürfen nicht mit Chemikalien hantieren und würden dieses Risiko wohl auch niemals eingehen…

 

 

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Ole

4 Comments

  • Ein schöner Artikel in der Tradition von Florian Freistetters “Tatort Wissenschaft”, den es ja leider nicht mehr gibt.

  • @schwanger: Wussten die Chefs davon? Dann wäre es tatsächlich schwierig. Aber aus Gründen könnte sie es auch verschwiegen haben… (ich habe den Tatort nicht gesehen)

  • In meiner über 30 jährigen Berufstätigkeit als Chemielaborant habe ich mit allerlei Giften (PAK, PCB, einige Metallcarbonyle, sogar die Standarddioxine) gearbeitet und auch Azubis in Sachen Arbeitsschutz unterrichtet. Vor dieser Sauerei HF habe ich bis heute einen ordentlichen Respekt und betone immer und immer wieder die Gefährlichkeit dieser Verbindung. Die wirklich realistische Darstellung im Tatort ist sehr erfreulich, da normalerweise im Filmgeschäft die Übertreibung als dramaturgisches Mittel beliebt ist. Geht bei Flusssäure aber nicht, ohne völlig unrealistisch zu werden (was will man da noch steigern ?).

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